..mein Coming-Out

 

Wie war das bei mir mit dem "Coming-Out" ??


 ich muß ganz ehrlich sagen - ich wußte sehr lange gar nichts mit dem wort coming-out anzufangen - nicht im entferntesten - vielleicht auch nachdem ich "IHN" bereits hatte (oder ist coming-out weiblich ??? - kann mir da jemand helfen ??) ich war im gegenteil jahrelang eine von den ganz "normalen" - war mir sicher, dass Ich "ES" nicht bin - obwohl es die eine oder andere Begegenheit schon gab....
ich muß vielleicht auch soweit ausholen, zu erklären, daß ich aus dem ehemaligen osten stamme - dort die frage des "coming-out lebens" auch bestimmt viel schwieriger war, als es hier - im westen - seit jeher war und ist (über das heute kann ich nichts sagen - ich lebe im westen...)
als teeny hatte ich wie viele anderen mädchen freunde - junge burschen - vielleicht eher etwas ältere - was mich nicht stutzig machte, also ein völlig "normales" leben...

im studium dann... (ich habe 5 jahre in moskau studiert) - mein freund hatte mich verlassen - lernte ich irgendwann viel später eine russin kennen, mit der ich viel zeit verbrachte .... die "objektiven umstände" damals - will sagen - sie wohnte in einem anderen internat als ich - führten dazu, daß wir hin und wieder in einem bett übernachten mußten - ist in russland nichts umwerfend spannendes - auf grund der knappheit ist es eher tagesordnung .. es nimmt dort niemand anstoß daran - auch ich tat es nicht - es war ja nichts dabei ....
bis eines tages etwas mehr ausgetauscht wurde
... als einfach nur worte ... und ich zutiefst erschrocken war : mein gott - du bist doch keine lesbe (den begriff kannte ich damals schon !!!) - auch meine freundin kannte ihn - und sich in russland damals zum lesbischsein zu bekennen, hieße, sich selbst in eine psychatrische klinik einweisen zu lassen - denn homosexualit&aumt war damals zumindestens noch eine geächtete krankheit, die für viele in der psychiatrie endete ... ganz ohne scherz !!
aber für mich war es gar nicht so schlimm - ich wußte - ich ...... ich kann doch gar nicht lesbisch sein - ich hatte doch schon was mit männern - und hatte auch dort nicht nur schlechte erfahrungen ....ICH - und LESBISCH - das konnte einfach nicht sein - also konnte ich die drei jahre mit meiner freundin ganz ruhig leben... und ich kehrte in die heimat zurück - und hatte wieder die eine oder andere männerbekanntschaft .... und ich glaubte - nun sei wieder "alles in ordnung".


co_4und dann gab's den 13.8.1990 - 22.30 Uhr ...es ist schon verrückt, daß ich diesen tag so genau fixieren kann - es war ein montag - es war der montags-spät-film auf ARD - ein film - der da hieß :
"Anne Trister - Zwischenräume"

und dieser film löste bei mir das coming-out aus ..... es ist kein witz - es war wirklich so ! ich sah den film ... und die nacht danach war nicht mehr zum schlafen da - ich war derart in aufruhr ... es ist nicht beschreibbar ! in diesem film geht es um das coming-out einer jungen kunststudentin, die sich in eine langjährige freundin (kinderpsychologin) verliebt ..... ein unglaublich schöner film ......ich habe ihn sehr oft gesehen... aber nie wieder dieses gefühl des "ersten mals" DANACH gespürt ... ein wirklich unglaubliches gefühl ! ich sah den film - und plötzlich spürte ich : mensch .... DU BIST ES AUCH ..... und die 3 jahre in moskau waren kein zufall .....

und die tage danach ... waren nur berauschend ... schön - ich lief durch die straßen - saß in der straßenbahn - sah jede frau an - und lächelte - freute mich - irgendwie ZU-MIR gefunden zu haben ... und nach wenigen tagen dieser euphorie ... kam dann der nüchterne alltag - ich kam nach den glückswolken der selbstfindung an den punkt, wo ich spürte : hoppla - was heißt das jetzt eigentlich für dein weiteres leben ???


und die zeit danach war emotional sehr verhalten - mal ganz sachte ausgedrückt - es klickerte jeden tag mehr in mir, WAS nun auf mich zukommen wird ..... und ich sah nicht viel gutes - vielleicht realistisch - vielleicht auch ein wenig pessimistisch !

ich lebte damals noch in halle - eine stadt im tiefen chemiegebiet (wie hier rund um wuppertal/bochum/dortmund vom ruhrgebiet gesprochen wird - dort war es das reinste chemie-gebiet - buna / leuna - zusammen ca. 50.000 menschen in chemiebtrieben anstellig ....) - eine offene lebensweise als homosexuelle/r ..... nicht so einfach - mal ganz sachte ausgedrückt !!! so glaubte ich zumindestens ... ich kannte weder eine szene - geschweige denn, wie offen es sich doch leben läßt...
(ganz nebenbei : ich hatte damals eine beziehung zu einem mann - dem ich sofort nach sehen diesen films sagte : hör mal : ich weiß ES nun endlich - ich bin lesbisch ! - woraufhin er sagte : "Du ???? - so wie du im bett bist ?? das kann nicht sein !!" - er drehte sich um - ging - und kam nie wieder ..... ) war wirklich eine neue erfahrung ... zu hören, daß allein die "qualität im bett" über die neigung auskunft gibt ....)


co_3mehr durch zufall fand ich einen ganz tollen buchladen in halle - der vorwiegend literatur für homosexuelle hatte - dazu die jeweiligen zeitschriften (die öffnung zum westen begann damals - es lag die "emma" aus - aber auch nur dort - an keinem kiosk sonst !!) ... und ganz still und heimlich verbrachte ich in diesem laden viele viele stunden - ich las in den büchern - den zeitschriften - und fühlte mich einfach nur wohl - schaute trotz allem immer rund um mich - hoffentlich erkennt mich niemand - daß ICH in DIESEM laden stehe und bücher lese.....
in diesem laden fand ich auch erste kontakt-tel-nr. bei denen ich mich melden konnte - was ich auch tat - immer irgendwie anonoym ....und persönlich habe ich mich nie gemeldet ... aus angst ...

über eine szene in halle konnte ich nicht viel herausbekommen - muß aber auch sagen - ich wußte ja gar nicht, daß es sowas überhaupt gibt (zumindestens im westen) - also wie sollte ich nach etwas suchen, von dessen existenz ich gar nichts wußte...
aber in diesem buchladen fand ich die emma ... in ihr entsprechende kontaktadressen - brief-freundinnen.... und nach meinem beruflichen wechsel - nach wuppertal (ende 1990) - hatte ich auf grund der briefwechsel (2) relativ schnell kontakt in "DIE SZENE"..... - und neujahr 1990/91 war ich in einer szene-kneipe - das erste mal überhaupt ....und es war wie : ZU-HAUSE sein ... ich hatte mich selten vorher in einer öffentlichen einrichtung SOOOO wohl gefühlt, wie an diesem abend !!
ganz wichtig : ich spürte : ich bin nicht alleine!! es gibt viele andere - es gibt orte, wo ich mich mit frauen mit gleichen "neigungen" treffen kann - und das war für mich der eigentliche punkt ... zu sagen : okay - ich bin lesbisch - und : ich kann es leben ..... denn : ich bin nicht alleine !!
co_2mit jedem tag in dieser gewißheit kamen andere gedanken ... und irgendwann mußte ich wohl zu hause erzählen... ich sprach als erstes mit meiner schwester ... noch bevor ich hier in den westen kam - wir sprachen über nachkommen - sie fragte mich, wann es denn nun bei mir soweit wäre - ich erwiderte : du - vielleicht nie - ich bin lesbisch..... ihre reaktion : naja - das ist vielleicht im moment so - daß ändert sich noch .... warte mal ab - ist einfach jetzt so ne phase ... (diese phase dauert nun schon gut 7 jahre - ich fühle mich zu wohl dabei !!!)
die gespräche mit den eltern - der mutter - waren einfacher - oder auch nicht - ich weiß es nicht - aber so ziemlich der erste satz danach : mein gott : tochter - da bekommen wir ja nie enkel von dir !....
wie ganz aktuelle Gespräche mit meiner mutter zeigten .. hatte sie mit dieser tatsache so gar keine probleme - lediglich die sicher fehlenden enkelkinderchen bereiteten ihr ein wenig "kopfzerbrechen"
(daß das nicht unbedingt der Fall sein muß, hat sich ja dann auch gezeigt
denn am


26. November 1997
ist unsere erste Tochter
Alix Sophie
und am

25. Dezember 1999
dann unsere zweite Tochter
Camille Frédérique




zur Welt gekommen
und heute - lebe ich ich hier im westen - stehe mit beiden beinen im beruf - einem männerdominierten beruf - und gehe im kreise meiner kollegen sehr offen mit meinem lesbischsein um .... hatte diesbezüglich auch bisher gottseidank keine schlechten erfahrungen machen müssen ..
muß aber dennoch anfügen, daß ich sehr oft von dem männlichen part meiner kollegen den satz höre : "also - wenn zwei frauen zusammen sind - stört mich das gar nicht - im gegenteil - finde ich spannend, aber zwei männer - ne - das ist einfach nur ekelhaft ...."
und somit sehe ich die akzeptanz auch wieder aus einem ganz anderen winkel ..... ist die große toleranz der männern den lesben gegenüber nicht oftmals nur die pure neugier : was machen die denn miteinander im bett ???


Juli/August 1998
meine coming-out-geschichte ist nun schon einige viele monate im netz - ich bekomme viel resonanz .. nicht zuletzt im Gästebuch ist ja einiges zu finden ..

heute würde ich diese geschichte vielleicht anders schreiben .. oder besser : ich will sie ergänzen ! viele diskussionen in den mails führten eigentlich immer wieder zu einem punkt :
warum schieben wir uns eigentlich immer selber in schubladen, die furchtbar eng, ungemütlich und eigentlich so gar nicht passend sind ! ist es wirklich lebenswichtig, von sich zu sagen : ich bin lesbisch - ich bin hetero ?? sicher ist es etwas ganz neues, wenn man sich plötzlich in eine frau verliebt hat - vielleicht gar nach etlichen jahren ehe .. es ist ein neues gefühl - sicher nicht immer von tausenden schmetterlingen im bauch begleitet .. ängste - in erster linie vor der umwelt tauchen auf ??

sagt man nicht eigentlich sowieso : alle meschen sind BI - ob sie es ausleben ist eine ganz andere frage ... ?? für mich ist es heute nicht wichtig, das banner : lesbisch-sein über mir schweben zu sehen - ich habe einen menschen gefunden, mit ich viele jahre zusammen leben will - mit dem ich alt werden will - und dieser mensch ist eine frau ! deswegen ändere ich als mensch mich nicht - nicht in meiner umgebung .. nicht zu hause ! je natürlicher wir mit solchen erfahrungen umgehen - desto einfacher wird es wohl auch werden, offen und ungezwungen damit zu leben - überall (von einigen (religiösen... ) orten mal abgesehen.

ich möchte allen, die die seite eben wegen dem wort coming-out lesen, da sie sich gerade in einer dieser etwas "revolutionären gefühlswelt" befinden viel mut machen, das zu leben, was sie spüren. (sofern es auch erwidert wird .. denn auch im homosexuellen bereich gibt es unglückliche liebe.. ;-)) )

wenn ihr noch fragen habt - schreibt mir - ich würde gerne über den einen oder anderen punkt mit euch diskutieren - erfahrungen austauschen etc. ... ich würde mich sehr freuen, von euch zu hören!